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	<title>Obdachlos in Berlin</title>
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	<description>Von den Erniedrigungen bei der Wohnungssuche</description>
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		<title>»Als Hartz IV-Empfänger hätten Sie bessere Chancen!«</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Oct 2011 06:36:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wohnungssucheinberlin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Von den Erniedrigungen bei der Berliner Wohnungssuche, oder: Wie man trotz einer geregelten Arbeit obdachlos werden kann. 1998, ich war 19 Jahre alt, nahm ich bei der Hildesheimer Volksbank einen Kredit von 6.000 DM auf: Der Tebbert-Verlag in Münster wollte mein erstes Buch veröffentlichen und verlangte eine Eigenbeteiligung. Das Geld wurde überwiesen, das Buch erschien [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=wohnungssucheinberlin.wordpress.com&amp;blog=28650957&amp;post=4&amp;subd=wohnungssucheinberlin&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;"><strong>Von den Erniedrigungen bei der Berliner Wohnungssuche, oder: Wie man trotz einer geregelten Arbeit obdachlos werden kann.</strong></p>
<p align="JUSTIFY">1998, ich war 19 Jahre alt, nahm ich bei der Hildesheimer Volksbank einen Kredit von 6.000 DM auf: Der Tebbert-Verlag in Münster wollte mein erstes Buch veröffentlichen und verlangte eine Eigenbeteiligung. Das Geld wurde überwiesen, das Buch erschien nie. Zwar erwirkte ich nach vielem Hin und Her einen Titel vor Gericht, da der Verlag jedoch in Insolvenz ging, sah ich mein Geld nie wieder. Zehn Jahre später &#8212; ich wohnte mittlerweile in Berlin &#8212; waren aus den 6.000 DM etwa 4.000 Euro geworden, die ich der Volksbank noch immer schuldete. Mein Angebot einer Ratenzahlung wurde abgelehnt, und so gab ich im Januar 2010 schließlich eine eidesstattliche Erklärung ab.</p>
<p align="JUSTIFY">Im Sommer 2010 wechselte die Wohnung, in der ich nunmehr elf Jahre lebte, ihren Eigentümer, der prompt Eigenbedarf anmeldete. Da ich nicht wusste, dass ich ein Jahr Kündigungsschutz hatte und der Eigentümer mich höflich, aber bestimmt unter Druck setzte, zog ich innerhalb von sechs Wochen um. Die neue Wohnung war an und für sich ganz nett, eine Maisonette mit einem herrlichen Wannenbad und großen Fenstern. Leider lag sie im Wedding, unweit der Seestraße, einer nicht besonders angenehmen Gegend. Die Warmmiete betrug 650 Euro. Das lag zwar deutlich über dem Mietspiegel, ärgerte mich aber zunächst nicht besonders. Schließlich lässt man sich ein schönes Zuhause ja auch gerne was kosten.</p>
<p align="JUSTIFY">Bei meinem Einzug wurde eine Bestandsaufnahme der Mängel gemacht: Heizung kaputt, Wohnungstür beschädigt, Kühlschrank kaputt (Klappe vom Gefrierfach fehlt), Spülkasten vom Gäste-WC kaputt (man muss den Haupthahn abdrehen, sonst rauscht es unausgesetzt). Leider hatte mein in München sitzender Vermieter kein Interesse daran, die Mängel zu beheben, und so wurde das Wohnen im Wedding in den kommenden Monaten zum Alptraum. (Von den Alkoholikern, die in fröhlicher Regelmäßigkeit in die Briefkästen pinkelten und dem Krach im Hause schreibe ich an dieser Stelle nicht; das »Gesamtpaket« allerdings ist happig.) Als dann im August 2011 die Mieterhöhung per Telefon (!) kam &#8212; für die 60 Quadratmeter sollten nun 823 Euro gezahlt werden &#8212;, kündigte ich den Mietvertrag zum 30. November. (Insgesamt 423 Euro Nebenkosten, 23 Euro mehr als die Kaltmiete, schien mir für einen Singlehaushalt, der kein Gas verbraucht (Heizung ist ja kaputt), ein bisschen viel.)</p>
<p align="JUSTIFY">Nun glaubte ich, drei Monate seien ausreichend Zeit, mir eine neue Bleibe zu suchen. Online suchte ich nun nach Zwei-Zimmer-Wohnungen, 50 bis 60 Quadratmeter, Balkon ODER Wannenbad, Altbau, möglichst im Innenstadtbereich (Charlottenburg, Wilmersdorf, Steglitz, Zehlendorf, Tempelhof, Kreuzberg, Neukölln), Bruttowarmmiete etwa 600 Euro. An und für sich kein Problem. Wäre da nicht der Schufa-Eintrag gewesen.</p>
<p align="JUSTIFY">Bei den Besichtigungsterminen &#8212; 59 Wohnungen in sechs Wochen &#8212; brachte ich eine ganze Mappe mit: Ausweiskopie, Schufa-Auskunft, Lohnabrechnungen der letzten vier Monate (ich verdiene etwa 1.350 Euro netto, durch meine Selbständigkeit kommt zusätzlich noch ein wenig hinzu), Mietschuldenfreiheitsbescheinigung meines Vermieters, Kopien der Kontoauszüge der letzten zwölf Monate, aus denen ersichtlich ist, dass die Miete immer pünktlich zum Monatsanfang überwiesen wurde sowie die Schufa und die Lohnabrechnungen meiner drei (!) Bürgen. (Ein Freund meinte: »Leg doch gleich noch deine Geburtsurkunde, das Abi-Zeugnis und ein paar Nacktfotos dazu, dann dürfte alles abgedeckt sein.«) Allein für die Fotokopien gab ich 184 Euro aus, dazu 18 Euro für die Schufa-Auskunft, von dem ganzen Benzingeld ganz zu schweigen. Ich nahm mir Urlaub, da ich an manchen Tagen sieben Besichtigungstermine in zehn Stunden hatte.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Besichtigungen an und für sich waren fürchterlich. Termine, zu denen 30, 40 Leute und mehr erschienen. Zu einer Besichtigung am Charlottenburger Ufer kamen über 100 Menschen; in 20er-Gruppen wurden wir durch die schnuckeligen zwei Zimmer geführt. Die Makler, die bei Vertragsabschluss immerhin an die tausend Euro Courtage erhalten, nahmen die Bewerbungsbögen plus Mappen freundlich nickend entgegen. Ein Gespräch war fast nie möglich. Von den 59 Maklern und Eigentümern meldeten sich überhaupt nur <em>zwei</em> mit Absagen zurück, von den anderen hörte ich nie.</p>
<p align="JUSTIFY">Schließlich klärte mich eine Hausverwaltung &#8212; die mich auf meine wiederholte Nachfrage hin schließlich wissen ließ, dass ich als Mieter nicht in Frage käme, obschon ich der einzige Bewerber für die Wohnung war &#8212; auf, dass es bei einer eidesstattlichen Erklärung in der Schufa keine Möglichkeit gibt, eine Wohnung zu bekommen, regelmäßiges Einkommen hin oder her: »Als Hartz IV-Empfänger mit Wohnberechtigungsschein hätten Sie bessere Chancen.« Bei solchen Vorschlägen gerät ein Weltbild ins Wanken.</p>
<p align="JUSTIFY">Einige Wohnungen, die ich besichtigte, waren wirkliche Zumutungen: verrottete Dielen und Schwarzschimmel in den Bädern waren noch die harmloseren Dinge. Eine Souterrainwohnung in Steglitz hatte die »charmante Besonderheit«, dass sich die Toilette und das Badezimmer nicht in der Wohnung, sondern im Entree des Hauses befanden. Andere Wohnungen sollten/mussten in Eigenregie (= auf eigene Kosten) komplett renoviert werden &#8212; freilich ohne einen Mietnachlass.</p>
<p align="JUSTIFY">Ein sehr freundlicher Makler, der mir die Wohnungen 58 und 59 in Steglitz zeigte, wunderte sich selber: »Jeder Vermieter hier in Berlin scheint zu glauben, dass seine Wohnung die schönste von allen sei. Ich meine, wir sprechen hier von Wohnungen, die 350 kalt kosten, und nicht von irgendwelchen Penthäusern für 2.500 Euro in Mitte oder so!« Außerdem wurde mir erklärt, wie das Prozedere abläuft: Man guckt sich die Mappen an. Die, wo sich ein Vermerk »wird nachgereicht« findet, werden sofort entsorgt. Dann werden alle Bewerber, die einen negativen Schufa-Eintrag haben, zur Seite gelegt. Von denen, die noch übrig bleiben, wird dann derjenige genommen, der das höchste Einkommen hat (es sollte nach Möglichkeit das Drei- bis Vierfache der Monatsmiete betragen! In Berlin!). Der Wohnraum &#8212; gerade für Singles &#8212; in der Innenstadt ist knapp geworden, der Wettbewerb ziemlich hart. (Tipp für Wohnungssuchende: Viele Makler nehmen gerne Bestechungsgelder an.)</p>
<p align="JUSTIFY">Der letzte Rettungsring für mich ist nun ein Bekannter, der mir ein möbliertes Zimmer in Kreuzberg untervermietet. Meine eigenen Möbel und meine persönliche Habe werde ich übergangsweise bei meinen Eltern einlagern müssen. Hätte ich dieses Angebot nicht angenommen, wäre ich ab dem 1. Dezember &#8212; trotz eines geregelten Einkommens, immer einwandfrei gezahlter Mieten und mehreren Bürgen &#8212; obdachlos.</p>
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